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Infoabend zum Thema Schulpolitik mit Brigitte Schmid

„Grün macht Schule – Vielfalt statt Einfalt“ – so lautete der Titel eines gemeinsamen Infoabends über Schulpolitik von Bündnis 90/Die Grünen und der Grünen Jugend Wertheim, der am Freitag, den 13. Mai, im Tauberhotel Kette stattfand.

Die Referentin des Abends war Brigitte Schmid. Sie ist Sprecherin der LAG Schule, arbeitet in der BAG Bildung mit, ist Mitglied im Landesvorstand der Baden-Württembergischen Grünen, Kreisrätin, Gemeinderätin und Mitglied im Landesvorstand der GEW in BaWü. Außerdem ist sie Gymnasiallehrerin und Mutter dreier Kinder. Zum Einstieg in das Thema „Schulpolitik“ zeigte die Referentin einen kurzen Film über die verschiedenen Schulen in Schweden und Finnland, wodurch man einen ersten Einblick in das skandinavische Schulsystem bekam. Für die Augen der Anwesenden, die praktisch alle nur das Bild von deutschen Schulen und Klassenzimmern gewohnt waren, waren die Bilder beinahe unglaublich: Das einzige was die schwedischen Klassenräume mit den deutschen gemein haben ist bestenfalls die Tür. Keine Spur von in Reih’ und Glied sitzenden Schülern, die alle auf einen Lehrer starren, der vorne an der Tafel steht und seinen Frontalunterricht durchzieht, keine dunklen Klassenräume mit grauen Tapeten, sondern helle Räume mit Gruppentischen, Computern und SchülerInnen, die sich frei im Klassenraum bewegen können und immer genau das lernen, worauf sie Lust haben und ihre/n Lehrer/in nur dann rufen, wenn sie Hilfe brauchen. Keine Spur von „Einheitsschule“ wie CDU/CSU und FDP sie im grünen Konzept für eine neujährige Basisschule sehen.

Die Referentin räumte ein, dass die Gesamtschule, die in SPD-regierten Bundesländern vorkommt, eine gescheiterte Gemeinschaftsschule sei, jedoch nicht aufgrund der Idee selbst, sondern aufgrund der Realisierung - die Gesamtschulen seien viel zu groß und im Inneren hätten sie das mehrgliedrige Schulsystem nicht überwunden. „Doch gerade diese Mehrgliedrigkeit des deutschen Schulsystems ist ein absoluter Sonderweg in Europa.“, so Schmid. Natürlich sei nach dem Bekannt werden des schlechten Abschneidens der deutschen Schulen in der PISA-Studie ein Aufschrei durch die Politik gegangen, doch mehr als eine „aktionistische Reformitis“ sei daraus nicht hervorgegangen, kritisierte die Schulexpertin die scheinheiligen Reformversprechungen.

Baden-Württemberg gelte zwar als äußerst erfolgreich in Bildungsangelegenheiten, in Wahrheit stimme dies jedoch nur im innerdeutschen Vergleich – international sei auch Baden-Württemberg nur Mittelmaß. Gerade in Baden-Württemberg ist der Anteil der SchülerInnen am höchsten, die man allgemeinhin als „VerliererInnen“ bezeichnet. 20 – 25 Prozent der SchülerInnen erfüllen gerade einmal die Minimalanforderungen (sie können z.B. lesen, verstehen aber überhaupt nicht den Sinn des gelesenen Textes) – das ist die höchste „VerliererInnen“-Quote im gesamten OECD-Gebiet. Parallel dazu gibt es auch kein Spitzenfeld von SchülerInnen, sondern „alle hängen irgendwo im Mittelmaß und das ist bedingt durch das System“, so Brigitte Schmid weiter. Abgesehen davon, dass die Aufteilung der SchülerInnen auf die drei Schularten völlig überholt ist, ist diese Selektion in hohem Maße sozial bestimmt. So zeigen OECD-Studien, dass die Chancen von Akademikerkindern auf ein Gymnasium zu wechseln bzw. einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen, sind - bei gleichen Leistungen - viermal so hoch wie die der Altersgenossen, deren Eltern FacharbeiterInnen sind. Noch schwerer haben es Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Chancen für Migrantenkinder und Kinder aus bildungsfernen Schichten sind gerade in Baden- Württemberg und Bayern die schlechtesten  im ganzen Bundesgebiet.

Damit es in Deutschland wieder gute Schulen gibt, ist für Schmid eine „strukturelle Reform“ unumgänglich. Das Mittelmaß der SchülerInnen-Leistungen sei bedingt durch das System, da  dieses nur verlange, dass allein für die Noten gelernt werde, die „Berechtigung für alles mögliche sind und für die die LehrerInnen 30 Prozent ihrer Arbeitszeit einsetzen müssen“. Die Referentin bezeichnet dies als „Lern-Bulimie“: „Die kriegen zwei Tage vor der Klassenarbeit regelrechte Lernattacken und lernen alles möglich auswendig, um es dann in der Arbeit wieder auszuspucken. Anschließend ist aber auch alles wieder ganz schnell vergessen.“ Schmid sprach sich klar dafür aus, Noten abzuschaffen und LehrerInnen künftig nicht mehr zu verbeamten. Außerdem forderte sie eine grundlegende Umorientierung des Schulsystem hin zu mehr individueller Förderung jedes einzelnen Kindes, hin zu einer selbstständigen Schule mit offenen Lehrplänen und mehr Eigenverantwortung für LehrerInnen und SchülerInnen.

Den Weg sieht die Referentin in einer grundlegenden Reform, die endlich die neunjährige Basisschule in Verbindung mit der Ganztagsschule realisiert. Ganztagsschulen sollen mehr Zeit für individuelles Lernen und auch mehr Raum für soziales Lernen bieten. Schmid machte sich außerdem stark für eine Reform des Bildungsföderalismus. Sie sprach sich dafür aus, dass die Kreistage die Schulen kontrollieren, da die Kreisräte die „besseren Ansprechpartner für die Eltern“ seien und somit eine „kommunalisierte Schule“ geschaffen werde. Bundesweite Standards für Schulen und deren Prüfungen könnten gewährleisten, dass die Schulen der einzelnen Bundesländer äquivalent bleiben. LehrerInnen dürften nicht länger die „EinzelkämpferInnen“ sein, die allein vor der Klasse stehen, sondern müssten zu LernmoderatorInnen werden, die in Teamarbeit mit anderen KollegInnen die individuelle Förderung der SchülerInnen als neue Herausforderung annehmen. Untersuchungen zeigten, dass integrative Schulsystem den Erwerb der Grundkompetenzen sichern und gleichzeitig auch das Erzielen von Spitzenleistungen möglich machen und dem „Minimalismus des heutigen Schulsystems ein Ende setzen.“

Zum Schluss appellierte die Referentin dafür, endlich von den skandinavischen Länder zu lernen, die vormachten, dass ihr Schulsystem funktioniere. „Natürlich können wir das nicht von heute auf morgen erreichen, aber wir sollten wenigstens damit anfangen. Es tut mir so unendlich leid für die Schleswig-Holsteiner, dass mit der großen Koalition jetzt auch die Chance auf eine neue Bildungspolitik dahin ist.“ Es sei Zeit dafür endlich Modellschulen zu zu lassen, „die würden dann auch CDU/CSU und FDP helfen ihre Scheuklappen abzulegen.

Infostand der Grünen Jugend Wertheim