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Eine Reise auf russischen Spuren in Deutschland


Im Convenartis-Keller: Merle Hilbk las aus ihrem Buch "Die Chaussee der Enthusiasten"

Merle Wertheim. Auf eine Reise durch das "russische Deutschland" gingen am Freitagabend die Besucher im Gewölbekeller des Wertheimer Kunstvereins Convenartis. Dieser, der Ortsverein von Bündnis 90/Die Grünen sowie die Buchhandlung Rahn hatten die freie Journalistin und Autorin Merle Hilbk eingeladen, um aus ihrem Buch "Die Chaussee der Enthusiasten" vorzulesen. Darin befasst sie sich mit den russischen Spuren in Deutschland.

Die "Chaussee der Enthusiasten" ist eine Strasse in Moskau - eine Utopie der Sozialisten, die von Moskau nach Wladiwostok führen sollte, aber schon kurz nach Moskau endet und heute eine Prestigeadresse für die Reichen ist. über diese Strasse verliessen viele Russen die Stadt in Richtung Westen, weshalb sie auch ein Symbol für die Auswanderer und ihre Hoffnungen sei, wie Merle Hilbk über den Buchtitel informierte.

Als freie Journalistin war Hilbk in Russland und Osteuropa tätig und sehr an der Sowjetunion interessiert. In ihrem ersten Buch "Sibirski Punk" berichtete sie über ihre Reise durch Sibirien. Später erfuhr sie, dass sie russische Verwandte hat. Ihr sei damit klar geworden, bekannte sie, warum sie sich diesem Land und den Leuten so nahe fühlte.

Ihr neues Werk handelt von den Russen, die in Deutschland leben. Wie sie auf die Idee zum Buch "Die Chaussee der Enthusiasten" kam, schreibt Merle Hilbk im ersten Kapitel. Auf der Suche nach der russischen CD "Sexy Party", die sie in einem russischen Kellerclub auflegen wollte, sei sie im Internet auf viele Verweise zu russischen CD-Shops, Chatforen, Singlebörsen, Boutiquen, Werbeagenturen usw. in Deutschland gestossen. Neugierig geworden, wollte sie diese russischen Spuren selbst erkunden und begab sich auf eine fünfmonatige Reise durch Deutschland.

Atmosphäre

Eines ihrer Ziele war die Jugendvollzugsanstalt in Adelsheim, von der ihr nächster Auszug handelte. Diesen habe sie extra gewählt, da sie sich in Wertheim nicht weit von Adelsheim entfernt befinde, erklärte Hilbk ihren Zuhörern. Mit ihrer detaillierten Beschreibung der Anlage, konnte man die Atmosphäre des Ortes richtig spüren.

In der Vollzugsanstalt erfuhr Merle Hilbk mehr über die "Regeln", die Russen oder Russlanddeutsche befolgen müssen (zum Beispiel: "Ein Mann putzt nicht") und über die Probleme, die daraus entstehen. So bilden die Jugendlichen Gruppen mit archaischen Strukturen, wobei der Schwache vom Starken oder der Junge vom Alten unter Druck gesetzt wird. Doch wenn man dieses Verhalten nicht als falsch ansehe und auf sie zugehe, könne man gut mit ihnen auskommen und habe begnadete Handwerker, wie die Autorin weiter berichtete.

Das nächste Kapitel, aus dem die Schriftstellerin vorlas, handelte von der "russischsten Stadt Deutschlands" Baden-Baden. Dorthin ziehe es jährlich viele reiche Russen, die ihren Urlaub aufgrund des Klimas wie auch der Schönheitskliniken dort verbringen und so der Stadt einen kleinen Aufschwung bescherten.

Bei ihrer facettenreichen Betrachtung vergas Merle Hilbk aber auch nicht die Russlanddeutschen, die am Rande der Stadt in einer trostlosen Gegend wohnen und als Bindeglied zwischen Deutschen und Russen fungieren. Welch Ironie des Schicksals, sie kamen ursprünglich in das Land der Deutschen, um dem Kommunismus zu entfliehen, und nun bedienen sie diese.

Nach der Pause, in der Musik von der "Sexy Party"-CD zu hören war, nahm die Autorin die Zuhörer in Worten mit zu ihrer Familie. Als würde man ihr über die Schulter schauen, erzählte sie von einem Versuch ihres Onkels, zwei Menschen zu verkuppeln. Sehr emotional erlebten die Zuhörer dann ein Treffen mit einer weiteren Verwandten, Marie. Sie musste ihren Traum, Pilotin zu werden, aufgeben, da in Russland keine Russlanddeutschen Piloten werden durften.

So heiratete sie und bekam einen Sohn, dem sie ihre ganze Liebe und Fürsorge schenkte. Doch durch einen tragischen Unfall kam dieser ums Leben. Das stürzte Marie und ihre Ehe in eine tiefe Krise.

Durch viele Beobachtungen kleinster Details und ihre Gedanken wird in dem Buch Maries Stimmung und Beklemmtheit gut deutlich, aber auch ihr Aufatmen und ihre Entspannung, als sie ihre Tochter besucht und ihrem Ehemann für einige Zeit entflieht.

In ihrer letzten Lesung beschrieb Merle Hilbk das Doppelgesicht der Dinge. Einerseits haben sich die Deutschen gefreut, als die russischen Truppen 1994 endlich abgezogen. Doch andererseits trauerten manche dieser Zeit nach, da sie die Russen wie Beschützer empfanden, und nun mancherorts die Nazis wieder aufkamen. Dieses Doppelgesicht habe sie bei vielen Dingen während ihrer Reise erlebt, stellte die Autorin fest.

In der anschliessenden Diskussion erzählten die Anwesenden der Autorin, wie das Leben mit den Russlanddeutschen in Wertheim ist. Dabei entstand ein reger Erfahrungsaustausch.

Copyright Fränkische Nachrichten 16. Februar 2009