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Ansprache auf dem Marktplatz: Cem özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen“, besuchte die Main-Tauber-Stadt


Rede als „Lesehilfe“ fürs Wahlprogramm

Wertheim.
Wertheim. Knapp 40 Minuten warten, rund 20 Minuten reden, etwa fünf Minuten Zeit für Gespräche: Cem özdemir, gemeinsam mit Claudia Roth Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, war gestern Mittag in Wertheim auf dem Marktplatz zu Gast und damit der erste "aus Funk und Fernsehen" bekannte Politiker, der im Zuge des anlaufenden Bundestagswahlkampfs der Main-Tauber-Stadt einen Besuch abstattete.

Sein Ziel: möglichst viele der Zuhörer davon zu überzeugen, am 22. September ihr Kreuz bei seiner Partei zu machen.





Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir (vorne, rechts) hielt am gestrigen Donnerstag eine Rede auf dem Wertheimer Marktplatz. Mit dabei war auch der Bundestagskandidat der Partei, Hans-Detlef Ott (links).



Alle waren pünktlich: Die lokalen bündnis-grünen Aktivisten hatten ihren Infostand aufgebaut, Lautsprecheranlage und Mikrofon waren gerichtet, Passanten wurden mit Materialien versorgt und - wenn sie es zuließen - ins Gespräch gezogen. Interessierte Zuschauer waren auch gekommen, immerhin ist der 47-jährige Özdemir aus Bad Urach einer, dessen Namen man kennt.

Nur die Hauptperson selbst, die fehlte zunächst. Der Politiker hatte gesundheitliche Probleme, ein notwendiger Arztbesuch verzögerte seine Ankunft in Wertheim. Das eigentlich vor der Rede auf dem Marktplatz geplante Gespräch mit Oberbürgermeister Stefan Mikulicz musste auf die Zeit danach verschoben werden. Schließlich war es dann aber doch soweit. Aus Richtung Stiftskirche kommend und von der Bündnis-Grünen Birgit Väth begleitet, traf Cem Özdemir ein. Er wurde auch von denen, die in den Marktplatz-Cafés saßen, mit freundlichem Applaus begrüßt.

Väth hob hervor, dass der Bundesvorsitzende ihrer Partei ein ihr gegebenes Versprechen einhalte, "den ländlichen Raum im Wahlkampf nicht zu vergessen". Bundestagskandidat Hans-Detlef Ott nutzte die Gelegenheit und die gesteigerte Aufmerksamkeit, um sich selbst vorzustellen und davon zu erzählen, wie er einst in der Friedensarbeit in Bosnien, Özdemir näher kennengelernt habe. Er sei, so Ott, "überzeugtes Landei", dazu noch gebürtiger Wertheimer, und könne mit Cem Özdemir, der aus Bad Urach stammt, "ebenfalls ein Landei" willkommen heißen.

Ein Tag ohne Fleisch

Die Vorlage für den Einstieg in seine Rede hatte Özdemir die "Zeitung mit den vier großen Buchstaben" geliefert, die seit Tagen eine Kampagne gegen den von den Grünen angeregten "Veggie Day", einen Tag ohne Fleisch auf dem Teller, fährt. Vielleicht, so Özdemir, hätte man statt des Donnerstags den Freitag dafür vorschlagen sollen. "Dann hätten wir eine Allianz mit den Kirchen schließen können."

Jedem, der sich Sorgen machen sollte, sagte der Politiker, "auch die Grünen werden Ihnen nicht vorschreiben, was Sie essen sollen. Das dürfen wir nämlich gar nicht". Er begründete aber auch, warum diese Initiative von seiner Partei ergriffen wurde, nämlich unter anderem wegen der Abholzung von Regenwäldern und gegen die "Pervertierung der Landwirtschaft" zum Beispiel durch die Massentierhaltung.

Mit einem Hang zur Selbstironie verwies Özdemir auf das Wahlprogramm seiner Partei, "das dickste von allen". In der Beziehung seien die Grünen "gnadenlos gegen sich selbst und die Wählerinnen und Wähler". Seine Rede wollte er dann als "eine Art Lesehilfe" verstanden wissen.

Energiewende und all ihre Folgen, Gerechtigkeit, Mindestlöhne, so dass "alle, die arbeiten, auch davon leben können", Korrektur der Fehlentwicklungen bei der Agenda 2010, die aber nach wie vor richtig sei, Leiharbeit zurückführen auf das, was sie eigentlich sein soll, Verschuldung, Betreuungsgeld, Europa - das waren einige der vielen Stichworte, die der Redner in knapp 20 Minuten abarbeitete.

Zuhörer im "Kanzlerin"-Shirt

Dass sich zwei Mitglieder der Jungen Union im "Kanzlerin wählen"-T-Shirt in seinem Sichtfeld aufgebaut hatten, focht Özdemir nicht an. Im Gegenteil wurden die beiden immer wieder Adressaten, etwa wenn es hieß, wer wolle, dass alles besser wird, müsse Bündnis 90/Die Grünen wählen, wer aber wolle, dass alles so wie bisher weiterlaufe, sei bei der Kanzlerin gut aufgehoben. Ein für manchen vielleicht überraschendes Bekenntnis lieferte Özdemir in der Europapolitik, als er sich als "Kohlianer" outete, und "der Bundeskanzlerin etwas von dem Mut (wünschte), den Helmut Kohl da hatte".

Das Ende seiner Ausführungen war der Motivation gewidmet. Dass die Wahl im Prinzip schon gelaufen sei, das habe man bereits häufig gehört. Dazu Özdemir: "Wenn es so wäre, hätten wir heute keine sechs Landesregierungen mit grüner Beteiligung." Sprach's, ließ sich noch mit denen fotografieren, die das wollten - unter anderem mit den schon erwähnten Jungunionisten - und eilte dann weiter zum nächsten Termin, dem verschobenen Gespräch mit dem Wertheimer OB.

Das aber fand, so hieß es aus dem Rathaus, auf Özdemirs Wunsch ohne öffentlichkeit statt. Daran nahmen laut einer Mitteilung der Stadtverwaltung auch Sylvia Schmid, Vorsitzende der Kreisgrünen, Hans-Detlef Ott und Birgit Väth teil. ek

© Fränkische Nachrichten, Freitag, 09.08.2013