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Grüner Parteichef mit Steherqualitäten


Bundestagswahlkampf: Cem Özdemir in Wertheim

Wertheim. Cem Özdemir nach Hexenschuss in Wertheim
Etwas steif hat sich Cem Özdemir gestern Morgen zum Wertheimer Marktplatz geschleppt: Ein Hexenschuss hatte den 47-jährigen Bundesvorsitzenden der Grünen erwischt. Die wartenden Parteifreunde bangten lange, ob ihr Chef, der auf Platz zwei der Baden-Württemberger Landesliste der Grünen für den Bundestag kandidiert, erscheint. Am Ende hat es geklappt, wenn auch mit 40-minütiger Verspätung.



Bürgernah: Grünen-Chef Cem Özdemir in Wertheim. Foto: Harald Schreiber



Für diese Zähigkeit gab’s Applaus - nicht nur von den örtlichen Wahlkämpfern, sondern auch von den zahlreichen anwesenden Bürgern.

Mit Beginn der Rede vor etwa 200 Bürgern waren alle Schmerzen vergessen: Genüsslich arbeitete sich Özdemir an der schwarz-gelben Regierungspolitik ab und sprach ein Reizthema der vergangenen Tage an. »Die Grünen werden Ihnen nicht vorschreiben, was Sie essen dürfen«, sagte er zur aktuellen Diskussion um einen fleischlosen Tag pro Woche. »Die Politik darf gar nicht entscheiden, was in der Kantine angeboten wird.«

Allerdings sei es ein guter Anlass, um über die Umstände der Fleischproduktion nachzudenken. »Regenwälder werden zur Produktion von genmanipuliertem Futter abgeholzt«, so Özdemir, Massentierhaltung stelle eine Pervertierung von Landwirtschaft dar.

Seine Partei habe mit über 300 Seiten »des diggschte Programm aller Parteien«, schwäbelte Özdemir. Er wurde 1965 als Kind türkischer Gastarbeiter in Bad Urach geboren und wird in den Medien gern als »anatolischer Schwabe« bezeichnet.

Themen wie den Atomausstieg nutzte Özdemir zu Attacken auf die Bundesregierung, die hauptsächlich Lobbyisten bediene und Verbraucher und Mittelstand dafür zahlen lasse. »Wir wollen ein neues Geschäftsmodell: Dezentralisierung der Energieversorgung, die in der Breite Wertschöpfung schafft und nicht nur bei vier Stromkonzernen, die sich 80 Prozent des Marktes aufgeteilt haben.«

»Menschenwürdiger Mindestlohn«

Weitere große Themen waren Mindestlöhne und Leiharbeit. »Es kann nicht sein, dass es Leute in Deutschland gibt, die einen Mindestlohn von vier Euro pro Stunde bekommen. Davon kann man nicht menschenwürdig leben. 8,50 Euro muss die Untergrenze sein.« Leiharbeit dürfe nicht dazu benutzt werden, reguläre Arbeitsplätze zu ersetzen.

ähnliche Positionen nehme auch Angela Merkel momentan ein. Aber der Bürger solle darauf achten, was angekündigt und was umgesetzt werde: »Wir haben schon Angst, dass wir was ins Programm reinschreiben - und am nächsten Tag sagt's die Merkel«, witzelte der Grünen-Vorsitzende.

Stark machte sich Özdemir - von 2004 bis 2008 selbst EU-Abgeordneter - auch für Europa: Man dürfe nicht zusehen, wie Jugendarbeitslosigkeit um sich greife und in anderen Ländern extreme Parteien an die Macht kämen. »Ex-Kanzler Kohl war von Europa überzeugt, während Merkel nur abwartet.«

Zu weiteren aktuellen Themen gab es in Özdemirs Ansprache leider keine Aussagen: Sicher hätte der ein oder andere Bürger gern etwas über die Position der Grünen zur Ausspähung von Daten durch die US-Geheimdienste erfahren. Oder über die - in Baden-Württemberg heiß diskutierte - Unterbringung von Asylbewerbern. Aber der Wahlkampf ist ja noch lang - und Özdemir wieder fit.

Matthias Schätte

© Wertheimer Zeitung, Freitag, 09.08.2013