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Die Schule im Ort lassen


Bildung: Podiumsdiskussion beschäftigt sich mit wohnortnahem Angebot -Dreigliedriges System im Zentrum der Kritik

Main-Tauber-Kreis. Welche Zukunft haben die Haupt- und Werkrealschulen im Main-Tauber-Kreis? Sind die Kriterien, die heute für eine wohnortnahe, weiterführende Schule garantieren, auch in fünf bis zehn Jahren noch gültig?



Die Külsheimer haben ihren Schulstandort gefestigt: Das »Haus des Lernens« der Pater-Alois-Grimm-Schule verzeichnet einen Zuwachs an Schülerzahlen, während andere Haupt- und Werkrealschulen im Kreis ums überleben kämpfen. Dieses Thema war Gegenstand der Podiumsdiskussion am Donnerstagabend im Wertheimer Barocksaal. Archiv-Foto: Hans-Peter-Wagner.

Diese Fragen beschäftigten die Teilnehmer der Diskussionsrunde zum Thema »Die Schule im Ort lassen« am Donnerstagabend im Barocksaal des Wertheimer Rathauses. Zentrum der Diskussion war die Infragestellung des derzeit gültigen, dreigliedrigen Schulmodells. Eingeladen hatte die grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung, deren Vertreterin Annette Goehrlich durch den Abend führte.

Rund 30 interessierte Bürger haben die Gelegenheit ergriffen, mit Dr. Ute Kratzmeier vom GEW-Landesverband, dem Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats Wertheim, Michael Döhnert, dem Elternvertreter der Külsheimer Pater-Alois-Grimm-Schule, Heiko Wolpert sowie mit der Landtagskandidatin und Fraktionssprecherin Bündnis 90/Grüne, Bad Mergentheim, Sylvia Schmid, über die Zukunft der Haupt- und Werkrealschulen und des derzeitigen Schulsystems im ländlichen Raum lebhaft und zuweilen auch humorvoll zu diskutieren.

Der Debatte zugrunde lag ein Gutachten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), das sich unter dem Titel »Aufbruch statt Abriss« mit der derzeitigen Entwicklung der Schülerzahlen beschäftigt. Dr. Ute Kratzmeier stellte diese Studie vor, die zu dem Schluss kommt, dass bis 2025 nur noch knapp ein Drittel der 1110 baden-württembergischen Gemeinden Schulstandort sein wird - falls bis dahin das Kultusministerium am dreigliedrigen Schulmodell festhält. Laut der Studie hatten 2008 noch 70 Prozent der badenwürttembergischen Gemeinden mindestens eine weiterführende Schule.

Will heißen: Gibt es weiterhin die Wahlmöglichkeit zwischen Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gymnasien, so werden sich der demografische Wandel und die damit sinkenden Schülerzahlen hauptsächlich bei den Haupt- und Werkrealschulen auswirken. Für Gemeinden bis 10 000 Einwohner im dünn besiedelten Raum sei es mitunter wegen weiter Entfernungen schwer umzusetzen, mit Nachbargemeinden zu kooperieren. Diese müssten sich bei einer Jahrgangsbreite unter 140 Schülern Gedanken machen, ob die Schule künftig noch zu halten sei. Für die Schüler bedeute dies weite Wege zur nächstliegenden Schule.

Gegentrend in Külsheim

Konkret heiße das für die Hauptschulen in Werbach mit 74 und Freudenberg mit 69 Schülern, dass diese auf kurze Sicht gefährdet seien, berichtete Sylvia Schmid. Dahingegen seien die Standorte in Wertheim und Tauberbischofsheim ebenso wenig gefährdet wie die Pater-Alois-Grimm-Schule in Külsheim, die einen Gegentrend zu verzeichnen habe. Deren Elternvertreter Heiko Wolpert berichtete sogar von einem Zuwachs in der zum »Haus des Lernens« umgewandelten Schule. Hatte diese Schule im Schuljahr 2007/08 noch eine Schülerzahl von 121 und eine prognostizierte Abnahme auf 92 Schüler bis zum momentanen Schuljahr, so seien es heute 182 Jugendliche, die sich dem individuellen Lernprozess stellten. Somit sei der Erfolg der individuellen Förderung mehr als sichtbar. »Die Külsheimer haben ihren Weg gefunden, die Schule im Ort zu lassen«, sagte er.

Michael Döhnert, Vorsitzender des Wertheimer Gesamtelternbeirats, sieht eine extreme Situation der »Hauptschulflucht« für Wertheim derzeit nicht. 310 Schüler besuchten im Moment die Hauptschule, 760 die Realschule und 1000 das Gymnasium. »Wir fahren eigentlich ganz gut mit dem gegliederten Schulmodell«, sagte er. Er plädierte jedoch auch für Veränderungen, jedoch »brauchen wir keinen Einheitsbrei«. Lehrer und Direktoren seien gefragt, etwas zu verändern.

Zur Sprache kam mit einer Wortmeldung aus dem Publikum auch der Fakt, dass die Schulen im Wettbewerb miteinander ständen, da Eltern die Schule frei wählen können. Das bedeute dann auch, dass beispielsweise 30 Schüler von außerhalb, darunter auch Wertheimer, die Külsheimer Schule besuchten - auch wenn sie die Möglichkeit hätten, die Werkrealschule zu nutzen.

Image als entscheidender Faktor

Entscheidender Faktor sei auch das Image, das den Hauptschulen anhafte, waren sich die Diskutierenden einig. Alles, was zähle, sei heutzutage der Abschluss. Und das Gymnasium eröffne schlicht und einfach die meisten Wege nach dem Abschluss. Ein einheitlicher Abschluss in einer Verbund- oder Sekundarschule, an der selbstständiges Lernen gelehrt und umgesetzt werde, sei ein guter Ansatz, von dem geltenden, hierarchischen System Abstand zu nehmen. Dann würden es auch viele Schüler nicht mehr beschämend finden, »nur« auf die Hauptschule zu wechseln, wie es derzeit oft der Fall sei.

Wenn die Politiker den Schulen mehr Freiheiten ließen, ihr eigenes System zu entwickeln, gebe es eine Zukunft für ein längeres gemeinsames Lernen, für das Sylvia Schmid abschließend plädierte. Auch die GEW-Mitarbeiterin betonte nochmals klar und deutlich, dass das derzeitige Schulsystem mit seinem Frontalunterricht individuelles Lernen verhindere. Karin Hussy




über die Zukunft der Haupt- und Werkrealschulen diskutierten (von links): Dr. Ute Kratzmeier, Heiko Wolpert, Annette Goehrlich, Michael Doehnert und Sylvia Schmid. Foto: Karin Hussy

© Wertheimer Zeitung - 12. Februar 2011