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Stuttgart 21 in Wertheim


Convenartiskeller: Klaus Gebhard spricht über dreijährigen Kampf gegen Großprojekt

Wertheim. Wie aus einem Befürworter ein vehementer Gegner des Projekts Stuttgart 21 wurde, verdeutlichte am Dienstag der Gründer der Stuttgarter Parkschützer-Initiative, Klaus Gebhard, bei seinem Vortrag im Convenartiskeller in Wertheim. Der Einladung der Wertheimer Grünen und der öDP folgten rund 30 Interessierte, darunter nur wenige Befürworter des Projekts.



Klaus Gebhard, Gründer der Stuttgarter Parkschützer-Initiative beim Vortrag im Wertheimer Convenartiskeller. Foto: Peter Riffenach.

»Ich war anfangs ein Befürworter von Stuttgart 21«, erklärt der 53-jährige Medientechniker der erst seit drei Jahren im Widerstand aktiv ist. Seine Informationsbasis sei aber äußerst dünn gewesen, begründete Gebhard dass er lange Zeit für das Projekt gewesen sei. Außer einer Hochglanzzeichnung des futuristischen Bahnhofs und der Aussicht, in Hochgeschwindigkeit nach Ulm fahren zu können, habe er nicht viel gewusst. Und beides habe ihn überzeugt.

Erst eine intensivere Beschäftigung mit den Details habe ihn dazu gebracht, sich gegen das Projekt zu engagieren. Zunächst bei der Sammlung von Unterschriften für den Bürgerbegehren, und als dieser mit einer »fadenscheinigen« Begründung abgelehnt wurde, seien aus den geplanten sechs Wochen mittlerweile drei Jahre intensiver Kampf gegen das Projekt geworden, das nach Ansicht der Gegner noch nie ein Bahnprojekt, sondern immer schon ein Immobilienprojekt war. Es gehe vor allem Banken und Immobilienkonzernen darum, in bester Innenstadtlage bebaubare Flächen zu bekommen, auch wenn man nicht wisse, ob diese in 20 Jahren überhaupt noch benötigt würden.

Zwei von drei Stuttgartern dagegen

Und wie Gebhard denkt offensichtlich inzwischen eine große Mehrheit der Bürger, zumindest in Stuttgart, wenn nicht gar im ganzen Land. »Aktuellen Umfragen zufolge sind zwei Drittel der Stuttgarter gegen das Projekt«, erklärte er.

Äußerst detailliert und mit zahlreichen Fotos versuchte Gebhard, die von Befürwortern immer wieder ins Feld geführten Vorteile des Neubaus zu entkräften. Angefangen von der angeblichen Zeitersparnis, die mit einem Durchgangsbahnhof zu realisieren wäre über die riesige Stadtentwicklungschance, die sich aus den 100 Hektar frei werdenden Gleisflächen ergebe, bis hin zu der Tatsache, dass man angeblich künftig in acht Minuten vom Hauptbahnhof zum Flughafen kommen werde, »zerpflückte« Gebhard jedes Detail mit Plänen, Zahlen und Gegenargumenten.

Der Tiefbahnhof komme elf Meter unter die Erde, wodurch massiv in die Belange des Grundwassers und wahrscheinlich auch des Mineralwassers eingegriffen werde. Er sei mit acht Gleisen viel zu klein, und mit der Baumaßnahme werde im Schlossgarten unwiederbringlicher Schaden angerichtet, argumentierte Gebhard gegen das Projekt.

Man sei nicht nur dagegen, sondern man habe eine alternative Planung mit einem modernisierten Kopfbahnhof vorgelegt, mit der wesentliche Vorteile des Projekts Stuttgart 21 sofort erreicht werden könnten - und nicht erst in mindestens 20 Jahren. Denn so lange wird es brauchen, bis der aktuelle Bahnhof abgerissen ist und die Gleisanlagen abgebaut werden können.

»Im Gegensatz dazu gibt es bei unserem Vorschlag ein Areal von rund 30 Hektar, das sofort für die Stadtentwicklung genutzt werden könnte, und der bestehende Kopfbahnhof sowie die vorhandenen Gleisanlagen könnten zu einem Drittel der Kosten ertüchtigt werden«, zeigte sich Gebhard überzeugt.

Auch auf die Bahnreform und die damit verbundenen Veränderungen und Zwänge ging der Referent in seinem dreistündigen Vortrag ein. Er bestritt die von den Befürwortern immer dargestellten Verbesserungen für den Regionalverkehr. Durch die hohen Kosten des Projekts und die daraus resultierenden höheren Stations- und Schienennutzungsgebühren erwarten die Gegner des Projekts sogar eher eine Verschlechterung des Angebots im Nah- und Regionalverkehr.

Analyse von Josef Schneider

Auch mit dem Polizeieinsatz vom 30. September im Schlosspark, setzte man sich in der Diskussion sehr intensiv auseinander. Diesen analysierte beispielsweise auch Josef Schneider, langjähriger Landesvorsitzender des Gewerkschaft der Polizei, der im Publikum saß. Er stimmte Gebhard zu, dass die Demonstranten sich nicht auf die »Verschärfung« in der Vorgehensweise einstellen konnten, weil bis zum 30. September ein entspanntes Verhältnis zwischen Demonstranten und Polizei herrschte. Weshalb beispielsweise Wasserwerfer eingesetzt wurden, sei ihm bis heute schleierhaft, kritisierte Schneider, der auch sonst die eine oder andere Ungereimtheit am Polizeieinsatz fand.

Die grundsätzliche Frage, ob die Demokratie durch den Protest gegen ein von allen Entscheidungsgremien legitimiertes Projekt gefährdet sei, verneinte Gebhard vehement,. Auch sieht er keine Gefahren für die repräsentative Demokratie, wenn, wie jetzt allerorten gefordert wird, die Entscheidung über Großprojekte den Bürgern überlassen wird.

Peter Riffenach © Wertheimer Zeitung - 18. November 2010