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Selbstkritische Reflexion der Grünen

Jubiläum: Den 25-jährigen Ortsverband und das politische Wertheim auf die Schippe genommen

Wertheim. Nicht mit der traditionellen Form eines Festaktes mit Ansprachen und Ehrungen begingen die Wertheimer Grünen am Freitag im Gewölbekeller des Kunstvereins »Convenartis« die Gründung des Ortsverbands vor 25 Jahren. Stattdessen nahmen die Parteimitglieder mit einem Kabarettprogramm sich selbst und das politische Wertheim auf die Schippe.

Kabarettistisch begingen die Wertheimer Grünen das Jubiläum zur Gründung des Ortsverbandes vor 25 Jahren. Fotos: Peter Riffenach


Zum ersten Mal gab es bei den Grünen so etwas ähnliches wie eine Ehrung: Vorsitzende Birgit Väth (Dritte von links) mit denen, die auf 25 Jahre Mitgliedschaft zurückblicken können.


Eigentlich sei die Feier etwas näher am Gründungstag, dem 5. Juli, als Sommerfest geplant gewesen, begrüßte die Vorsitzende Birgit Väth die knapp 30 Parteimitglieder und Freunde der Bewegung. Doch durch die Turbulen-zen nach der Kommunalwahl sei den Grünen die Feierlaune verdorben worden. Auf vielfachen Wunsch habe man jetzt, nachdem die Wogen wieder etwas geglättet seien, die Idee mit einem Fest wieder aufgegriffen. »Doch sollte es keine Feier wie jede andere werden, sondern eine humorvolle und selbstkritische Reflexion der letzten 25 Jahre«, so die Vorsitzende. Die Texte für das Kabarett habe Jürgen Walter verfasst, der allerdings nicht an der Feier teilnehmen konnte. Auch Hans Müller-Rodenbach, der eine Szene beigesteuert hat, ließ sich wegen einer kurzfristigen Erkrankung entschuldigen.

Die ersten Auftritte

»Wie wurden die Grünen in der Gründungszeit wahrgenommen«, fragte Hugo Linder, der die Moderation des Abends übernommen hatte. Zittrig und aufgeregt absolvierten sie ihre ersten Auftritte in der öffentlichkeit, von den Medien weitgehend unbeachtet und von der Bevölkerung als Chaoten verschrieen. »Bei jeder Veranstaltung auf den Ortschaften mussten wir uns die Frage gefallen lassen, ob wir mit dem Auto da sind. Das hat sich inzwi-schen erfreulicherweise geändert«, so Linder. »Wir sind die wahren Konservativen«, stellten die Gründungsväter bei der ersten Szene des Abends fest.

Angekündigt wurden die einzelnen Spielszenen von zwei Mitgliedern der jungen Grünen, die die »Nummerngirls« mimten. In jeder Szene präsent war außerdem der kleine grüne Kaktus, denn schließlich wollten die Grünen von Beginn an der Stachel im Fleisch der etablierten Parteien sein.

Schmunzeln löste die Szene aus, in der »Alt-OB Scheunemann« am Morgen nach der Parteigründung in der Zeitung davon las und mit seiner Ehefrau darüber sinnierte, wie man die Neupartei für seine Zwecke einspannen könne. Wenig Freude löste beim amtierenden »OB Cäser« die Neugründung aus und entsprechend bezeichnete er die Mitglieder als »APO-Dackel im Schafspelz«. 1984, die Grünen waren bereits bei der ersten Kommunalwahl in den Wertheimer Gemeinderat eingezogen, überraschten sie die Fraktionsvorsitzenden der anderen Parteien mit einem besonderen Weihnachtsgeschenk, nämlich hübsch eingepacktem Müll.

überraschend war auch, dass Gunter Schmitt, der 1985 in den Gemeinderat nachrückte, sich bei der Verpflich-tungserklärung verweigerte. Chaotisch verlief auch so manche der wöchentlichen Grünen-Sitzungen in der An-fangszeit. Nicht nur, dass sie immer verspätet begannen, man kümmerte sich wenig um die Tagesordnung, die Versammlungen arteten schnell zu Debattierrunden aus, wie die Kabarettisten selbstkritisch vorführten.

Informationen schockierten

Schockierend für die Wertheimer verliefen die Informationsstände der Grünen, die in der Anfangszeit regelmäßig auf dem Marktplatz standen. Dabei wurden nicht nur Luftballons mit »Atomkraft - nein danke«-Aufdruck, sondern zum Schreck vieler auch Kondome verteilt.

Flüchten mussten die Grünen, als sie bei einer Sitzung in Dertingen die hohen Nitratwerte im Grundwasser ans-prachen und sich mit den örtlichen Landwirten anlegten. Auf die Schippe genommen wurde auch der Fronten-wechsel eines gewissen Stadtrats »Kikeriki«, der von einem Tag auf den anderen von den Grünen zu den Kon-servativen überlief. Und das nur weil ihm die anderen ein paar Schoppen ausgegeben haben, wie die Kabarettis-ten vermuteten.

Die eigene Unpünktlichkeit

Immer wieder machten sich die Darsteller auf der Bühne über die eigene Unpünktlichkeit und den zwar sympathischen, aber doch manchmal auch nervigen Mangel an Organisation lustig. Gelächter ernteten die Akteure auch für ihre Darstellung eine Grünen-Festes, bei dem erst eine Stunde vor dem Start mit dem Aufbau begon-nen und auch beim Verlauf der Feier reichlich improvisiert wurde. Auch die Generalprobe vor der Jubiläumsfeier verlief reichlich chaotisch, was die Vorsitzende am Ende zu der Bemerkung veranlasste: »Was sie jetzt erlebt haben war die Generalprobe für die 30-Jahr-Feier, und hoffentlich können wir bis dahin alles auswendig und es läuft alles wie geschmiert.« Auch wenn ein Großteil der Texte abgelesen wurde erhielten die Darsteller Birgit Väth, Kerstin Ulrich, Iwona Mayer-Danisz, Richard Diehm, Eberhard Feucht und Hugo Linder viel Beifall. Erinne-rungen weckte abschließend auch die Bilderschau mit Fotos aus der Anfangszeit der Grünen zwischen 1984 und 1994, die Eberhard Feucht mitgebracht hatte.


Hintergrund: Geschichte der Grünen in Wertheim

Gegründet wurde der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen in Wertheim am 5. Juli 1984 von 13 Grün-dungsmitgliedern. Den ersten Vorstand bildeten Eberhard Feucht, Axel Götz und Gabi Ringleb.Gegründet wurde der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen in Wertheim am 5. Juli 1984 von 13 Grün-dungsmitgliedern. Den ersten Vorstand bildeten Eberhard Feucht, Axel Götz und Gabi Ringleb.

Von Beginn an standen die Grünen für Verkehrsberuhigung, organisierten Ostermärsche um die Peden-Baracks, waren entschiedene Gegner der Panzersperren in der Mühlenstraße und der Würzburger Straße, kämpften gegen den geplanten Großparkplatz auf dem Mainvorland, den Anschluss an die Bodenseewasserversorgung und gegen die Tannenbergbebauung und organisierten Vorträge über biologischen Landbau, Datenschutz, Tierschutz sowie Atomenergie.

Bei den Kommunalwahlen erzielte die Partei folgende Ergebnisse und entsandte in den Gemeinderat 1984: 8,4 Prozent Jürgen Walter und Christa König-Camerer (ab 1985 Gunter Schmitt, ab 1986 Jutta Weimer-Kuhnmünch), 1989: 8,6 Prozent Jürgen Walter und Dieter Kuhnmünch, 1994: 12,8 Prozent Jürgen Walter, Dieter Kuhnmünch und Wolfgang Winiki (bis März 1996), 1999: 4,5 Prozent Richard Diehm, 2004: 5,9 Prozent Richard Diehm und 2009: 8,3 Prozen Birgit Väth und Iwona Mayr-Danisz. Bei Kreistagswahlen zogen für die Wertheimer Grünen folgende Kreisräte in das Gremium ein: Fritz Ulshöfer (1984), Fritz Ulshöfer (1989) (ab 1990 Jutta Weimer-Kuhnmünch), Eberhard Feucht und Jutta Weimer-Kuhnmünch (1994), Eberhard Feucht (1999 und 2004) sowie Eberhard Feucht und Richard Diehm (2009). (riff)

Peter Riffenach
© Wertheimer Zeitung - 09. November 2009